1. Präambel Der öffentliche Diskurs zeigt eine äußerst widersprüchliche Bewertung von Risikoverhalten. Risiko wird zunehmend als „passive Gefährdung“ negativ bewertet. Im paradoxen Gegensatz dazu wird hochriskantes Verhalten heroisiert. Die viel gesuchte „Sicherheit“ erweist sich als Fiktion.
Risikoverhalten von Kindern und Jugendlichen ist vielfältig gerichtet und vielfältig begründet, aktuelle gesellschaftliche Faktoren (Vollkasko-Mentalität, Verflachung des Alltags...) mischen sich mit anthropologischen Konstanten (Initiation...) und individuellen Lebensvorstellungen. Einfache Erklärungen und Rezepte greifen zu kurz.
Der Alpenverein fördert satzungsgemäß physich und psychisch risikobehaftete Tätigkeiten wie Bergsteigen und andere Natursportarten. In seiner Bildungs- und Jugendarbeit vermittelt er einen verantwortungsbewussten Umgang mit Risikosituationen.
2. Forderung Die Pädagogik reagiert oft sehr lebensfremd und Defizit-fixiert auf Risikohandlungen, vielfach wird mit Abschreckung und Sanktionsdrohungen eine Risiko-Minimierung angestrebt. Wir wollen Jugendlichen ihr Risikoverhalten weder austreiben noch ausreden, wir anerkennen Risikoverhalten als unverzichtbar und entwicklungsnotwendig und als Handlungsmotiv. Das pädagogische Ziel muss die Risiko-Optimierung sein. Pädagogik darf sich nicht darauf zurück ziehen, junge Menschen vor den Fährnissen des Lebens zu bewahren, sie muss beitragen, dass sie sich bewähren können, also Bewähr- statt Bewahr-Pädagogik! Es geht um die Vermittlung von Risiko-Kompetenz. Die Anforderungen an die Aufsichtspflicht von Eltern und erwachsenen Betreuern dürfen nicht lebensfremd überzogen werden, mit zunehmendem Alter reduziert sie sich durch eine angemessene Eigenverantwortung.
3. Folgerung Pädagogen sollen Jugendliche unterstützen, indem sie... • durch angeleitete Reflexion und als Mentoren zur Wahrnehmung und zum Verstehen von Risikoverhalten beitragen • durch Aufklärung über Gefahren, die sie nicht kennen, (z.B. über die Lawinengefahr für Snowboarder) die Risiko-Optimierung („Abwägen des Wagens“) ermöglichen • Entwicklungs-Möglichkeiten aufzeigen, wie das Risikoverhalten kultiviert werden kann, z.B. durch Flow-Konzept statt Gefahren-Steigerung • kommunikative Kompetenzen vermitteln (z.B. durch Rollenspiele, Sensibilisierung für Risiko-Schub in Gruppen ...). Beispiele: risk´n´fun, risflecting, 3D special "Risiko und Extremsport"
4. Konsequenzen Statt von einem „Restrisiko“ als Ergebnis einer „Risikominimierung“ sprechen wir von einem „gewählten Risiko“ als Ergebnis einer „Risikooptimierung“. Ein „gewähltes Risiko“ kann ebenso gut Ergebnis einer Gruppenvereinbarung sein, was nicht heißt, dass damit die Führungsverantwortung gegenüber Kindern oder Jugendlichen reduziert wird.
In einem „Risiko-Manifest“ (PDF, 76 KB) sind die betreffenden Positionen des Alpenvereins zusammen gefasst und begründet. Die zentralen Aussagen: • Risiko gehört untrennbar zum Leben. • Individuelle Risiko-Verantwortung ist ein unverzichtbarer Wert. • Naturraum ist ursprünglicher Chancen- und Gefahrenraum. • Natursport bedingt Eigenverantwortung und Risiko-Kompetenz, eine Sicherheitsgarantie ist nicht möglich. • Vermittler von Risiko-Kompetenz müssen die spezifische Struktur von Risiko-Situationen verstehen, die Grenzen ihrer Beherrschbarkeit anerkennen und ein wirksames Programm zum Kompetenz-Erwerb anbieten.